Auswertung: Die faschistische Buchmesse in Wahrnehmung und Realität
Obwohl die Buchmesse "Seitenwechsel" offene Nationalsozialist*innen zu ihren Aussteller*innen zählte, hält sich das hartnäckige Gerücht, es handele sich schlicht um etwas verschrobene Konservative. Als hätte es die letzten Jahren, die Faschisierung der AfD und das Zusammenwachsen antidemokratischer Milieus nicht gegeben, schreiben vor allem Autor*innen der WELT und der BERLINER ZEITUNG immer noch von "Cancel Culture" und der tollen Möglichkeit, sich faschistisch zu verwirklichen. So konstratiert Sophie-Marie Schulz für die BERLINER ZEITUNG ernsthaft unseren Protest draußen ("ertönende Trillerpfeifen") mit der Falschbehauptung, man hätte in der Halle-Messe Bücher lesen können, die sonst "keiner lesen darf". In diesem Sinne macht sich die Autorin den Ausspruch zu eigen, es habe sich dabei um einen vielfältigen Gegenentwurf gehandelt (https://t1p.de/grel5). Dafür wird sie dann auch von Götz Kubitschek auf dem Online-Blog der rechtsradikalen Zeitschrift SEZESSION gelobt. Gerade der Satz "Wenn alles, was auf dieser Messe gesagt und gedacht wird, verboten sein sollte, warum ist es dann so voll?" spricht den Faschist*innen aus der Seele (https://t1p.de/z5d83). Schulz schafft es, den Inhalt der Buchmesse komplett zu ignorieren und stattdessen einfach weiter Phrasen des rechten Kulturkampfes von sich zu geben. Damit diskreditiert sie demokratischen Widerspruch und heroisiert Neonazis und ihre Verbündeten. Ähnlich macht es Marc Reichwein für die WELT. Er sieht die Besucher*innen offensichtlich nicht als eigenverantwortliche Individuen, die sich für den völkischen Umsturz mehr als nur interessieren, sondern "erlebt Menschen, die es satthaben, unter Extremismusverdacht gestellt" zu werden. Er sieht in der Buchmesse in Halle eine "konsequente Entwicklung" und kommt ebenfalls gut in der SEZESSION-Presseauswertung weg - mit gutem Grund, denn die Rechten kommen mal wieder fast ausschließlich als harmlose Opfer vor (https://t1p.de/s56lz).
Dazu kommt die Idee, dass man irgendwie eine Vergleichbarkeit der Akteur*innen innerhalb eines legitimen politischen Spektrums gäbe. So berichtet etwa der MDR über das WIR-Festival, den Protest und die Buchmesse und beleuchtet dabei "die eine und die andere Seite". Dabei stehen Positionen gegeneinander, die allerdings nicht überprüft werden. Wenn man Verlage bei der Messe etwa dem "rechtsextremen Spektrum zuordnet" (oder doch nur "politisch rechtsgerichtet"?), dann kann man das letztlich auch überprüfen, was hier aber nicht erfolgt (https://t1p.de/aprly).
Diese unklare Haltung bei den Begriffen und bei der Wertung ist schwer nachvollziehbar, vor allem vor dem Hintergrund, dass sich die Buchmesse selbst aktiv gegen jede Form von freier Presse gestellt hat. So hat Susanne Dagen im Interview mit einem extrem rechten Streamer deutlich gesagt, sie wolle "nicht die Pressefreiheit unterhöhlen", aber auch nicht, dass "die hier schlechte Bilder produzieren" (https://t1p.de/zxjqn). Um das durchzusetzen, wurde die Presse überwacht. Es gab praktisch keine Presse-Akkreditierungen, das Filmen und Fotografieren war nur der extremen Rechten erlaubt und Journalist*innen, die deshalb privat unterwegs waren, wurden - wenn man sie erkannte - bedrängt, abgefilmt und beleidigt. Das sieht man z.B. in einem Stream von NuoViso, in dem der Journalisten Olaf Sundermeyer dauerhaft verfolgt wurde (https://t1p.de/zxjqn).
Andere Journalist*innen haben diese Tatsache reflektiert, aber dennoch und teilweise sicherlich unbeabsichtigt die Außendarstellung der extrem rechten Buchmesse übernommen, v.a. was die von uns thematisierte Ausladung des neonazistischen Seitenwechsel-Verlags betraf. So weist Sebastian Richter für die FRANKFURTER RUNDSCHAU zwar auf das Problem der faschistischen Beteiligung hin, erwähnt zahlreiche extrem rechte Verlage und charakterisiert das menschenfeindliche Propagandaevent als solches, konstruiert aber organisatorische Gräben zwischen einer neonazistischen Rechten und einer "Neuen Rechten", die es so nicht gibt. Die Ausladung des Sturmzeichen-Verlags gilt bei Richter als Ausdruck davon, dass Susanne Dagen offene "Neonazis, die ihre menschenverachtende Gesinnung auch genau so zur Schau stellen," auf ihrer Messe nicht "gebrauchen" könne. Zwar ist die Ausladung aus taktischen Gründen erfolgt, was hier benannt wird, aber Neonazis brauchte Susanne Dagen sehr wohl auf der Messe, denn der Sturmzeichen-Verlag ist nur einer von verschiedenen Projekten aus dieser politischen Richtung und Dagens politisches Lager lässt sich nicht von dem der neonazistischen Holocaustleugner*innen trennen (https://t1p.de/3k6uq). Dazu kommt, dass der Seitenwechsel-Verlag zwar wegen angeblicher "Datenmanipulation" nicht zugegeben war, aber seine Autor*innen wie Sascha Krolzig und Michael Brück sehr wohl. Diese waren bei dem nicht minder neonazistischen Projekt Aufgewacht/Deutsche Stimme vertreten, welches zwar nicht im Aussteller*innenverzeichnis auftauchte, aber dennoch mit einem großen Stand präsent war. Bei dem Projekt handelt es sich um den Verlag der NPD/Die Heimat, der seit dem Frühjahr 2025 mit der Publikation der "Freien Sachsen" fusioniert ist (https://www.apabiz.de/2025/aufgewacht/). Die Neonazis vom Sturmzeichen-Verlag sind dort aus zwei Gründen zu Hause: Einerseits sind sie auch NPD/Die Heimat-Mitglieder, andererseits sind sie auch als Autoren dort und konnten damit selbstverständlich auch
Publikationen des angeblich ausgeschlossenen Sturmzeichen-Verlags verkaufen (https://t1p.de/4070x).
Die Neonazis waren also willkommen und sind es seit Jahrzehnten in der sogenannten "Neuen Rechten". So wurde auch bei klassischen "neurechten" Projekten deutlich, wie stark man im Neonazismus verankert ist - sei es bei einem Gespräch zwischen Götz Kubitschek und dem verurteilten Volksverhetzer Aron Pielka ("Shlomo"), der sich seinerseits gegen jede Kooperation mit demokratischen Akteur*innen als "Schutzschirm gegen feindliche Subversion" aussprach (https://t1p.de/snan5), oder sei es am Stand der "Hydra Comics", der als "identitäres" Projekt gilt und von zahlreichen Neonazis wie NPD-Funktionär Michael Schäfer geleitet wird (https://lsa-rechtsaussen.net/tag/schaefer-michael/). Auch ließe sich auf das Compact-Magazin hinweisen, welches faschistische Gewalttäter wie Mario Müller (JN, IB) beschäftigt und welches von prominenten Gästen wie Gloria von Thurn und Taxis, die sich geschichtsrevisionistisch einließ und gegen "die Antifa als moderne SA" sowie die "Macht des Teufels" und gegen "Flugzeuge, (...) die (...) irgendein Gift hinter sich her (...) sprühen", kämpfen wollte, explizit gelobt wurde (https://t1p.de/w4whr). Es ließe sich auch die völkische YouTuberin Michelle Gollan nennen, die unsere Kundgebung stören wollte und deren Begleiter einen sachsen-anhaltischen Landtagsabgeordneten angriff - bei dem Begleiter handelte es sich wie selbstverständlich um einen Neonazi-Hooligan der "Blue White Street Elite" aus Magdeburg (https://t1p.de/bm3cm). Aber man brauchte keine Nazi-Kaderakte, um die Presse anzugreifen: Roland Tichy ging ebenfalls gegen Journalist*innen vor (https://t1p.de/n2evl). Die Reihe von einzelnen Skandalen, von Pressefeindlichkeit, von übelster Menschenverachtung ließe sich fortsetzen: Uwe Steimle erklärte etwa sinngemäß, die Antifa plane den Reichstagsbrand, was angesichts der Tatsache, dass die NSDAP diesen zur Begründung von politischer Massenverfolgung nutzte, umso zynischer ist. Natürlich waren auch die schlimmsten (AfD-)Politiker*innen wie etwa Matthias Helferich, der sich als "freundliches Gesicht des NS" bezeichnete (https://t1p.de/ay9wm), anwesend. Das ist konsequent, denn sie passen zu einer faschistischen Buchmesse.
Besorgniserregend ist neben der Berichterstattung von WELT und BERLINER ZEITUNG aber auch und vor allem, dass das neben den Teilnehmer*innen, die ja extra für die Mischung der Milieus dort hingekommen sind, auch andere nicht sonderlich störte: So gab es in derselben Halle wie es offene Neonazi-Werke zu kaufen gab, auch das Buch der BR-Mitarbeiterin Julia Ruhs aus dem Langenmüller-Verlag zu kaufen, die sich als demokratische Konservative gibt (https://t1p.de/95v0n). Auch das Buch "Shitbürgertum" von Ulf Poschardt, welches inzwischen der Westend-Verlag herausgibt, lag prominent aus. Die Notwendigkeit, sich zu distanzieren, oder zumindest deutlich zu machen, dass man sich eigentlich nicht mit offene Neonazis gemein machen wolle, wird von den beiden Autor*innen derzeit ebenso wenig gesehen wie von den Verlagen. Das zeigt deutlich, dass die Verbindung von rechten Milieus noch nicht abgeschlossen ist. Und es zeigt deutlich, wie wichtig kritische Recherche ist, die deutlich macht, dass zwischen Neonazis, "Neue Rechte" und ein verrohtes Bürgertum kein Blatt Papier passt.
Dominik Lenze hat das unter dem Titel "Nietzsche, Nius und Neonazis" für den TAGESSPIEGEL zusammengefasst (https://t1p.de/y2nvk). Auch Jens Balzer kommentiert für DIE ZEIT, dass die komplette Szeneprominenz der extremen Rechten vor Ort war (https://t1p.de/upje4). Die FAZ zeigt mit Julia Enckes Artikel deutlich, dass sich bei der Buchmesse eine "Volksfront von rechts" verschmolzen hat, bei der inhaltliche Differenzen überhaupt keine Rolle mehr spielen (https://t1p.de/l1p3g). Und Christian Eger weist für die lokale MZ auf Putin-Verehrung, Geschichtsrevisionismus und Neonazismus hin (https://t1p.de/nnaqa). Die Fakten liegen also auf der Hand, man muss sie nur benennen und die richtigen Konsequenzen ziehen.
Für uns heißt das schlicht, dass Neonazis keine Messegelände zur Verfügung gestellt bekommen sollten - nicht in Halle und auch sonst nirgends. Das gilt also ebenfalls für die Messe der Zwerenz-Gruppe in Gießen, wo zahlreiche faschistische Akteur*innen, die am 8. und 9. November in Halle waren, am 29. und 30.11.2025 wieder auftreten werden, um die (Neu-)Gründung einer AfD-Jugend zu verhindern. Auch hier gilt es, dieses Propagandaevent nicht zuzulassen und es selbst zu machen, wenn u.a. die Behörden versagen (https://widersetzen.com/mitmachen/#giessen)!